Mehr Gedanken einer Arbeitslosen

Vor ein paar Tagen habe ich bei Facebook einen Artikel gesehen. Asche auf mein Haupt – ich habe ihn nicht gelesen, sondern nur die Kommentare unter dem Artikel angeschaut.

Es ging um eine junge Frau, die ein paar Jahre jünger ist, als ich. Sie hatte offenbar ihr Studium abgebrochen und fand nun keinen Job. Ich versuche nie allzu viel auf die Kommentar-Sektion bei Facebook zu geben. Vor allem, weil sich oftmals nur die negativen Kritiker zu Wort melden. Menschen mit Verständnis und Befürworter bleiben einfach stumm. Trotzdem war ich entsetzt, was in den Kommentaren unter diesem Artikel abging. Die Frau (bei der ungewiss ist, ob sie diese Kommentare jemals zu Gesicht bekommt) wurde brutalst beleidigt und angegriffen. Natürlich aus der „Steuerzahler-Position“. Sie solle nicht rumjammern, sich irgendeinen Kellnerjob suchen. Wer so dumm ist und sein Studium abbricht, sei selbst Schuld. Und das waren nur die nettesten Formulierungen.

Nun weiß ich tatsächlich nicht mehr die genauen Umstände, in denen sich die Frau befand. Aber meiner Meinung nach rechtfertigt ein kurzer Einblick in ihr arbeitsloses Studienabbrecher-Leben keine derben Wutausbrüche, Vorschriften und Verurteilungen. Ich fühlte mich aus offensichtlichen Gründen selbst ziemlich angegriffen von diesen harten Worten. Weil sie mir auch schon gesagt wurden.

Ich bin gesellschaftlich, wirtschaftlich und sozial minderwertig. Eine Schmarotzerin. Und es gibt Menschen, wie die in den Facebook-Kommentaren, die mich am liebsten beschimpfen und eigenhändig mit einem Wischmop in der Hand in die nächste Raststätten-Toilette schubsen wollen. Hauptsache ich arbeite. Hauptsache ich liege dem Staat nicht mehr auf der Tasche. Hauptsache ich liege IHNEN nicht mehr auf der Tasche. Es ist eine Unverschämtheit, nicht so schnell wie möglich irgendeinen Job anzufangen. Es ist ungerecht, dass sich jemand raus nimmt, nicht zu arbeiten, wenn alle normalen Menschen arbeiten gehen.

Ungerechtigkeit. Die empfinde ich auch. Nicht nur, weil mir unterstellt wird, dass ich nicht arbeiten gehen möchte. Sondern auch, weil mir von gesichtslosen Steuerzahlern vorgeschrieben wird, dass ich zu arbeiten hätte, no matter what.

Diese Wut, die da zum Vorschein kommt, ist für mich fehlgeleitet. Sie sind nicht wütend auf mich, weil ich ihnen Geld abzwacke. Das macht der Staat und der macht das auch weiterhin, selbst wenn ich nicht mehr arbeitslos sein sollte. Es wird immer arbeitslose Menschen geben. Und es wird immer Steuern geben, die gezahlt werden müssen.

Ist es vielleicht die Freiheit, die ich mir nehme, die anderen Menschen sauer aufstößt? Und damit meine ich nicht Freiheit im Sinne von FreiZEIT, sondern die Freiheit, mir meinen zukünftigen Job nach meinen Kriterien auszuwählen. Die Freiheit, die sich wenige Menschen nehmen. Schon gar nicht die engstirnigen Menschen, die so wütend auf Menschen wie mich sind.

Ich möchte niemandem zur Last fallen. Aber ich habe auch Prioritäten. Von meinem Prioritäten weiß keiner dieser Wütenden etwas, sonst wären sie nicht wütend. Aber ich muss mich auch nicht vor jedem Hans und Franz rechtfertigen, daher bleiben die meisten einfach in ihrer wohlig-warmen fehlgeleiteten Wut. Hätte jeder Mensch einen Anspruch an seine Arbeit, der darüber hinausgeht, dass sie das Essen auf den Tisch bringt und die Miete abdeckt, wären wir alle weniger wütend aufeinander.

Nochmal zurück zu meiner Minderwertigkeit. Ich bin nicht gern minderwertig. Und ich finde auch, dass es falsch ist, Menschen zu vermitteln, sie seien minderwertig. Das Gefühl der Minderwertigkeit macht es mir ganz ehrlich auch nicht leichter einen Job zu finden. Schließlich muss ich ja irgendwen von mir überzeugen. Je länger ich arbeitslos bin – je minderwertiger ich werde – desto schwerer fällt es mir, eine überzeugende Bewerbung zu schreiben. Teufelskreis? Ja.

Meine Schuld? Sorry, aber nein.

Ich kämpfe stetig gegen die Vorurteile und das Schubladendenken und die verstaubten Überzeugungen anderer Leute an. Weil ich weiß, dass ich nicht minderwertig bin. Ich bin zur Zeit lediglich arbeitslos.


Im Zuge der Interview-Reihe mit Fräulein Schwarz brannten mir noch ein paar Gedanken zu dem Thema auf der Seele, die ich loswerden wollte. Mein Interview findet ihr hier auf Wiebkes Blog und ihre Sicht zum Thema findet ihr hier in meinem letzten Beitrag.

Habt ihr Gedanken, Fragen oder Diskussionsbedarf? Dann lasst gern einen Kommentar hier oder bei Facebook da.

 

Lilli

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