Nürnberg – ein Reisebericht der anderen Art

Reisen macht mich nicht glücklich. Zumindest nicht unmittelbar.

Vor einigen Wochen habe ich eine Freundin in Nürnberg besucht. Eine Woche lang habe ich meinen Schreibtisch und meine gewohnte Umgebung verlassen, um Urlaub zu machen. Ja, als arbeitslose Person habe ich mir das Recht herausgenommen, Urlaub zu machen. Denn obwohl ich momentan keinen Job und nur wenige Verpflichtungen habe, rotiert mein Kopf. Stress pur. Durchsuche die Jobbörsen! Mach etwas Sinnvolles! Verschwende keine Zeit! Aufstehen fiel mir schwer, weil ich nicht MUSSTE, aber wenn ich es nicht tat, pochte das schlechte Gewissen an meine Schläfen. Kopfweh. Und dann KONNTE ich nicht aufstehen. Ich Versager.

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Diesen Teufelskreis wollte ich hinter mir lassen. Nur für diese eine Woche. Ich ließ das Notebook zu Hause, nahm nur mein Skizzenbuch, mein Tagebuch und eine Zug-Lektüre mit. Ich freute mich auf eine Auszeit und darauf, eine gute Freundin wiederzusehen. Eine neue Stadt kennenzulernen und ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Insgeheim hoffte ich, neue Kraft zu sammeln und sogar ein bisschen Inspiration zu tanken.

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Und dann passierte genau das, was mir oft auf Reisen passiert. Was mir auch in meiner Zeit in Berlin passiert ist. Mein Körper streikt, ich fühle mich schwach und bin traurig darüber, dass meine Pläne mal wieder nicht aufgehen. Ich hatte eine schöne Woche. Aber irgendwie war es im Nachhinein überhaupt nicht wichtig, eine schöne Woche zu haben. Es war wichtig, dass ich fahre und mit Bauchweh auf der Couch liege und mir wünsche, wieder heimfahren zu können. Und es war umso wichtiger, mich zu akklimatisieren und langsam aber sicher wieder klarzukommen. Kleine Schritte zu gehen, um wieder genießen zu können. Denn das habe ich lange nicht gemacht. Etwas genossen.

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An meinem vorletzten Tag in Nürnberg sind wir losgegangen, einfach raus. Wir wollten erst ins Museum, standen schon drin, mir war nicht danach. Mir war nach spazieren gehen und Fotos machen. Also sind wir spazieren gegangen und haben Fotos gemacht. Ein Schlüsselmoment. Ich habe mich getraut, „Nein“ zu sagen, weil mir nicht danach war – ohne ein schlechtes Gewissen. Das konnte ich wahrscheinlich nur, weil ich irgendwie wusste, dass meine Freundin das verstehen oder zumindest akzeptieren würde. Aber trotzdem. Ich habe eine Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen. Und ratet mal, wer sich am allerwenigsten darüber beschwert hat. Mein Bauch.

Reisen zeigt mir ganz genau, was gerade bei mir schiefläuft. In meinen eigenen vier Wänden bin ich dafür offenbar betriebsblind geworden. Betriebsblind, weil mein Kopf eben nicht arbeitslos ist. Sondern völlig überarbeitet. Manchmal wünschte ich, ich könnte besser abschalten und würde nicht konstant grübeln. Aber wenn ich dafür weiterhin diese Momente habe, in denen ich mich und meine Umwelt einfach klar sehe, nehme ich das in Kauf. Ich werd schon lernen zu entspannen. Nur nicht auf Reisen.

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Meine Reise nach Nürnberg hat sich gelohnt. Die Bauchschmerzen und das Unwohlsein haben sich gelohnt. Wenn man abends zusammen Wein trinkt, sich die Haare färbt und lauthals Bullet for my Valentine mitsingt, dann ist das nicht kindisch, sondern eine Ode an gute Zeiten. Gute Zeiten zeichnen sich für mich nicht durch die Abwesenheit von Problemen aus. Sondern durch gutes Essen, Uno spielen und Harry Potter gucken. Dadurch, erst nur mit dem großen Zeh in die Badewanne zu steigen, bevor man langsam ganz untertaucht. Ganz ohne Druck. Weil es bei einem Bad nicht darum geht, so schnell wie möglich fertig zu werden.

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Das habe ich von dieser Reise mitgenommen. Und noch was: spätestens wenn das letzte Katzenhaar aus meinen Klamotten verschwindet, werde ich die nächste Reise nach Nürnberg in Angriff nehmen.

Lilli

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