Und was macht man damit? – Die Leiden des jungen Geisteswissenschaftlers

Ich habe Philosophie studiert. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich habe die Frage „Und was macht man damit?“ schon öfter gehört, als ich das überhaupt erzählt habe. Was natürlich Unsinn ist. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass mir diese Folgefrage jemals NICHT gestellt wurde. Nach über 5 Jahren habe ich immer noch keine wirklich befriedigende Antwort darauf. Was macht man denn nun mit einem Philosophie-Studium?

Obwohl sich meine beruflichen Pläne nun relativ weit von meinem Studium weg bewegen, möchte ich diese Frage trotzdem beantworten können. Allein schon aus dem Grund, dass ich in Zukunft Kommentare vermeiden möchte, die mein Studium als überflüssig darstellen. „Ja, wenn du jetzt eh etwas anderes machst, hättest du dir das auch sparen können.“ Hätte, hätte, Herrentoilette. Ich mochte mein Studium und ich würde es nochmal machen.

Monsterzähmencover

Im Dezember 2017 bekam ich von dem Verlag Marta Press aus Hamburg ein Buch als Rezensionsexemplar zugeschickt. Ich habe mich in dem Titel so sehr wiedergefunden und wollte es unbedingt lesen. Danke an das Fräulein Schwarz für die Empfehlung!

Monster zähmen – ein Unterhaltungs- und Übungsbuch für Geisteswissenschaftler*innen auf Jobsuche. Ich war auf Jobsuche, ich bin Geisteswissenschaftlerin, ich konnte Unterhaltung gut gebrauchen, denn die Arbeitslosigkeit hatte mir ihren Schatten aufs Gemüt gelegt. Noch viel eindringlicher packte mich die Formulierung „Monster zähmen“. Vermutlich kann jeder, der in seinem Leben mal händeringend nach einem Job gesucht hat, nachvollziehen, was diese Monster sind. Von der Überwindung, Bewerbungen zu schreiben, geplagt von Gedanken wie: Bin ich überhaupt qualifiziert dafür? Was, wenn ich eine Absage bekomme? Wie viel ist zu viel Information über mich und meinen Werdegang und wie viel ist zu wenig? Bis hin zu den bedrückenden Gefühlen, wenn sich nach dem Abschicken der Bewerbung wochenlang niemand meldet oder eine Absage nach der nächsten im Mail-Postfach ankommt. Das größte Monster, mit dem sich Geisteswissenschaftler herumplagen, ist vermutlich die große Frage: Was mache ich damit, wenn das Studium vorbei ist?

Ich hab in meinem Studium Menschen kennengelernt, die genau wissen, wo sie hinwollten. Das war ein winziger Bruchteil. Ein weiterer Bruchteil hat einfach zugegeben, dass sie keine Ahnung haben. Die meisten haben sich selbst und anderen vorgemacht, dass sie wissen, wo es hingeht. Im Zweifelsfall „wird sich schon etwas ergeben“. Ich muss schmunzeln, während ich das schreibe, weil ich auch zu diesen Leuten gehörte. Erst wollte ich meine Fächer einfach auf Lehramt studieren, dann wollte ich an der Uni bleiben, dann wollte ich in die Kunst-Szene, dann wollte ich Journalistin werden oder Online-Redakteurin, dann wollte ich doch lieber einen Master machen. Dass ich nie so richtig wusste, wo ich hin wollte, musste ich mir Gott sei Dank nie eingestehen. Denn irgendwann wusste ich es ja. Vielleicht wäre es mir besser gegangen, wenn ich nicht 5 Jahre lang versucht hätte krampfhaft eine Zukunft für mich zu malen, von der ich genau wusste, dass sie nicht passieren wird. Aber ich wollte auch einfach nicht zugeben, dass ich keinen Plan hatte.

Zurück zum Buch. Die Autorin Ulrike Schneeberg (ich beneide die Frau ungemein für ihren Nachnamen) stellt nach einer Einleitung 25 Geisteswissenschaftler*innen vor, deren berufliche Geschichten nicht unterschiedlicher sein könnten. Wenn man vorher keine Ahnung hatte, was man mit seinem Studium anfangen soll, dann kann man aus diesen Geschichten mehr als genug Inspiration schöpfen, so viel ist sicher.

Danach wird die potentielle Karriere von allen erdenklichen Seiten beleuchtet. Jeder Leser kann sich und seine Vorstellungen von einem guten Leben und vor allem einem guten Job wiederfinden. Von der Familienplanung bis hin zu Gehaltsvorstellungen, vom Bewerbungsprozess bis zum Netzwerken, vom Angestellt-Sein bis zum Unternehmertum – es werden alle Fragen beantwortet und alle Möglichkeiten aufgezeigt. Dabei finde ich besonders schön, dass das Buch so aktuell ist und die Autorin sich die unglaubliche Mühe gemacht hat, konkrete Tipps, Webseiten und Lese-Empfehlungen aufzulisten. Außerdem ist das komplette Buch mit Übungen gespickt und auch da merkt man, wie viel Aufwand in jeder Zeile steckt.

Ich persönlich habe die Übungen nicht gemacht – ich hatte sie zu dem Zeitpunkt einfach nicht mehr nötig, da ich (Trommelwirbel) meinen Traumjob mittlerweile gefunden habe. Sollte sich an meiner Situation jedoch irgendwann etwas ändern, weiß ich nun, wo ich wieder Inspiration und Tipps finde.

Klingt ja alles schön und gut. Gibt es etwas an dem Buch auszusetzen? Jein. Ich muss gestehen, ich hatte meine Startschwierigkeiten mit dem Lesen selbst. Für ein „Unterhaltungsbuch“ war mir die Ausdrucksweise im Allgemeinen viel zu trocken. Man merkt dem Stil der Autorin sehr schnell an, dass sie sich im wissenschaftlichen Schreiben wohlfühlt. Unterhaltsam ist das erst mal nicht. Allerdings fühlt man sich nach der Lektüre weniger mut- und perspektivlos. Der Schreibstil ist und bleibt dann wohl einfach Geschmackssache.

Aber empfehle ich das Buch? Auch Jein. Es handelt sich natürlich nicht um ein Buch, das für jeden eine Bereicherung ist. Aber wie der Titel sagt: als Geisteswissenschaftler ist man damit gut bedient. Mehr noch: ich würde es tatsächlich jedem Geisteswissenschaftler oder jedem Studierten /sich im Studium befindenden Menschen empfehlen. Auch wenn man nur eine vage Ahnung hat, wo es beruflich hingehen soll. Monster zähmen ist so umfangreich, dass jedem, der sich etwas unsicher fühlt, geholfen wird.

Wenn ich jetzt die Frage vom Anfang beantworten möchte („Und was macht man damit?“), würde ich ganz selbstbewusst antworten: Alles. Das ist vielleicht wieder nicht ganz richtig, denn mit einem Abschluss in Philosophie kann man sicherlich kein Atomphysiker werden. Zumindest nicht unmittelbar. Ich werde Mediengestalterin. Dazu bräuchte ich kein abgeschlossenes Studium, aber das mache ich damit.

Ich bedanke mich bei Marta Press vielmals für das tolle Buch. Schau doch mal auf der Website des Verlags vorbei und lass mich wissen, ob meine kleine Rezension / Buchvorstellung hilfreich für dich war!

 

Lilli

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