Wie fühlen sich Depressionen an?

Anmerkung der Redaktion (also von mir selbst, nachdem ich den Beitrag nochmal las, bevor ich ihn veröffentlichen wollte):

1. Meine Erfahrungen sind individuell. Ich möchte hier nicht behaupten, dass sie stellvertretend für irgendjemanden außer mir selbst sind.

2. Ich bin mir darüber bewusst, dass ich hier sehr tief blicken lasse. Ich habe ein mulmiges Gefühl dabei, weil ich weiß, dass das hier Leute lesen, mit denen ich täglich zu tun habe, die mich entweder noch nicht sehr gut, oder aber schon sehr lange kennen. Jeder von euch, wird hier etwas lesen, das er noch nicht über mich wusste. Es ist nicht leicht, immer ehrlich zu sein. Aber ich habe mich der Ehrlichkeit verschrieben, weil ich glaube, dass sie mich befreit. Von dem Druck, der auf mir lastet, weil ich kompetent, cool, schön, stark oder unnahbar wirken muss.

3. Was ich im Folgenden erzähle, soll eher ein Bericht sein. Ich beschreibe und versuche nicht zu werten. Lösungsansätze haben heute keinen Platz hier, weil die „Lösung“, wenn man sie so nennen kann, hundert Mal komplexer und noch persönlicher ist, als das, was ich hier offenlege. Meine Heilung findet nicht hier statt. Nicht in diesem Beitrag zumindest.

Vielleicht kann ich mit diesem Beitrag Verständnis schaffen. Vielleicht zieht es mich runter, wenn ich einmal gesammelt aufschreibe, wie sich meine Depressionen äußern. „Äußern“. Das meiste davon kann man nicht sehen, aber es kann auch nicht schaden, einmal zu erzählen, wie es in mir aussieht. Ich vergesse bestimmt, etwas zu erwähnen, weil es gerade nicht präsent ist, oder noch nie war, aber noch kommt. Vielleicht fühlt sich irgendwer total verstanden, weil er genau so fühlt, vielleicht stimmt es jemanden froh, weil es ihm nicht so geht.

Geist und Seele. Oft bin ich ganz hoffnungslos. Wie soll es mit mir weitergehen? SO geht es auf jeden Fall nicht mehr lange. Und was passiert dann? Verzweiflung. Kann mir nicht irgendwer helfen? Ich muss mir selbst helfen. Kraftlosigkeit. Ich kann mir nicht helfen. Ich kann nicht mal einen klaren Gedanken fassen. Lähmung. Ich kann gar nichts. Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Selbstzweifel. Selbsthass. Ich hätte das alles verhindern können. Nun geht es mir schon so lange schlecht und ich habe das einfach zugelassen. Es ist zu spät, ich werde nie wieder glücklich. Hoffnungslosigkeit.

Diese Abwärtsspirale in den Gedanken ist real. Vor ein paar Jahren ging ich sie ganz gemächlich hinunter. „Das ist bloß eine Phase, manchmal geht es einem halt schlecht.“ Mittlerweile kann ich innerhalb einer Minute so tief drin sein, so schnell all diese Gedanken denken, dass das Licht da oben komplett außer Reichweite gerät. Und unten ist man ganz einsam. Und das bestärkt einen nur noch darin, zu glauben, man wäre allein und dass man es nie schafft, wieder hochzuklettern. Soll man es wagen? Und wenn ich es wage, mir alle Mühe gebe, Richtung Licht zu klettern, was wenn dann wieder etwas Unerwartetes passiert? Dann werde ich wieder fallen und es wird wieder wehtun. Mein Kopf sagt: Bleib hier unten. Schlimmer kann es hier nicht werden. Hier bist du zumindest sicher vor Enttäuschung. Manchmal wird die rebellische Stimme, die FÜR mich spricht, ganz leise. Und das einzige, was mich am Leben hält, ist das Wissen, dass diese Stimme da ist, auch wenn ich sie gerade nicht höre.

Ich stehe konstant unter Druck. Ich muss leben. Vor allem muss ich dieses Leben führen, als wäre es mein eigenes. Ich muss aufstehen, duschen, Zähne putzen, Essen kochen, zur Arbeit gehen, arbeiten, Pausen machen, damit mein Kopf und mein Körper gut funktionieren, Menschen sehen, mit Menschen reden, putzen, Wäsche waschen, Freund- und Bekanntschaften pflegen, lernen und gute Noten bekommen. Das ist das mindeste, was ich tun muss. Was jeder Mensch tut. Was nicht hinterfragt wird, weil es normal ist. Auch für mich. Umso niederschmetternder ist es und umso widerlicher finde ich mich selbst, wenn ich merke, dass ich es nicht schaffe, normale Dinge zu tun. Nicht mal das Minimum bekomme ich hin. Ich bin nicht normal. Ich bin schlecht in „leben“. Und gut in gar nichts.

Innerlich fühle ich mich wie kaputt. Wie geschunden, als hätte ich irgendwann mal eine handvoll Rasierklingen verschluckt, die durch mein ganzes Sein gewandert sind und alles in Fetzen geschnitten haben. Und wenn ich gerade dabei bin alle meine inneren Wunden zu heilen, kommt ein Wort, ein Gedanke oder eine Situation von außen und macht wieder alles kaputt. Was macht man dagegen? Dicht.

Die Gedanken „ich bin schlecht“ und „die Welt ist schlecht“ reichen sich die Hand und vereinen sich zu einem schwarzen Loch, das immer größer und überzeugender wird, je mehr Zeit vergeht. Bis alles schlecht ist.

Dann gibt es Tage, an denen mein Kopf wie leer gepustet ist. An denen ich nicht weiß, was ich noch denken soll, weil ich glaube, schon alle Gedanken auf dieser Welt gedacht zu haben. Alle Gefühle gefühlt. Und die einzige Frage, die ich mir stelle ist: Wars das? Kommt da noch was? Wenn man zu müde ist zu denken und zu fühlen, dann kann man nur abwarten, bis wieder genug Kraft da ist. Bis dahin fühle ich mich, wie ein Zombie. Wenn man das fühlen nennen kann.

Das ist die Essenz aus all den Gedanken und Gefühlen, die ich habe, wenn die Depression zuschlägt. Immer eingebettet in die Situation, in der ich mich gerade befinde. Für das Auge meistens nicht erkennbar und trotzdem überwältigend. Manches davon klingt zugegebenermaßen wie eine schlechte Floskel.

Körper. Psyche und Körper gehören zusammen. Manchmal kann ich etwas Normales nicht tun und dann denke ich schlecht über mich selbst. Manchmal denke ich schlecht, habe zum Beispiel Angst vor einer Situation und dann zieht mein Körper hinterher und signalisiert mir, dass ich Recht habe. Mein Körper ist ein Spiegel meiner Gedanken und Gefühle und andersrum.

Schwäche. Manchmal bin ich so schwach, dass ich meinen Alltag nicht bestreiten kann. Eine noch so kleine Aufgabe kann in mir eine Lähmung auslösen. Nicht die Art von Lähmung, bei der man sich nicht bewegen kann. Mein Körper funktioniert eigentlich normal, nur das, was wirklich „wichtig“ wäre, kann ich nicht machen.

Manchmal habe ich Schmerzen – im Bauch, im Rücken, in der Herzgegend. Meistens im Kopf. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass die Kopfschmerzen unter Migräne zu verbuchen sind. Es fühlt sich an, wie ein dicker Blei-Klops im Nacken, der flüssig durch meine Nervenbahnen fließt und alles schwer macht. Die Beine, die Arme, die Augenlider.

Manchmal fühle ich mich richtig benebelt. Dann wird mir schwindelig und ich fühle mich, wie kurz vor der Ohnmacht. Als hätte ich im wahrsten Sinne nicht mehr die Macht über meinen Körper.

An viele meiner „Symptome“ habe ich mich über die Jahre gewöhnt. An den Haarausfall, den Kloß im Hals, die Schlaflosigkeit, das Herzstolpern, das oft aufs Klo müssen. Das heißt nicht, dass mir diese Sachen nichts mehr ausmachen, aber meistens gibt es ein oder zwei Symptome, welche alle anderen überschatten. Immer, wenn etwas Neues dazukommt, befürchte ich, dass mein Körper irgendwann schlapp macht und einfach ausgeht, wie ein kaputter Computer. Aber ich bin noch hier.

Manchmal kommt es mir vor, als wäre die Depression ein Parasit in meinem Körper. Sie verstoffwechselt Erinnerungen und Erfahrungen und macht sie zu etwas, was sie eigentlich gar nicht sind. Zuerst war nur mein Kopf befallen, dann mein Herz, dann der Bauch und so weiter. Und mittlerweile ist sie überall und vergiftet alles. Vielleicht frisst sie auch Muskeln und anderes Gewebe. Das würde erklären, warum sich alles so locker anfühlt, mein Kopf die Haare nicht festhalten kann und meine Organe drohen, auseinanderzupurzeln. Alles ist irgendwie lose, bis auf den Nacken – der ist steif wie ein Brett.

Soziale Kontakte. Ich würde nicht sagen, dass es momentan irgendwo eine Komfortzone für mich gibt. Aber am sichersten fühle ich mich wohl immer noch in meinen eigenen 4 Wänden. Deshalb verlasse ich sie oft nur, wenn es sein muss. Neue Orte und neue Menschen überfordern mich schon, wenn ich bloß darüber nachdenke. Ich wohne in Berlin – ein Schritt vor die Tür und ich bin mittendrin, in der Ungewissheit. Manchmal ist die U-Bahnfahrt zur Arbeit der Horror für mich.

Es ist sicherlich nicht einfach, mit mir zu tun zu haben. Ich bin Meisterin darin, mich aus Verabredungen rauszuziehen. Wenn ich mir keine Ausrede einfallen lassen möchte, sorgt mein Körper schon fast automatisch dafür, dass ich nicht kann. Auf der einen Seite bin ich dankbar, dass er mir signalisiert, dass wir dafür nicht bereit sind, auf der anderen Seite verfluche ich diese Verhaltensmuster, die mir das normale Leben einfach nicht möglich machen.

Ich glaube, das reicht vorerst. Alles, was ich beschrieben habe, passiert manchmal über Tage und wochen hinweg. An manchen Tagen passiert es gar nicht, an manchen mehrmals und an anderen nur teilweise. Meine Krankheit sitzt momentan am Steuer. Ich bin überzeugt davon, dass sie soweit „geheilt“ werden kann, dass sie das irgendwann nicht mehr tut.

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4 Gedanken zu “Wie fühlen sich Depressionen an?

  1. duschonwieder schreibt:

    Es kommt mir vor als ob ich dies geschrieben hätte…bis auf ein paar Kleinigkeiten geht es mir genauso! Ich bin durch meine Depression und der generalisierten Angststörung noch mehr an meine „sicheren“ 4 Wände gebunden…ich danke Dir für die Einsicht in Dein Inneres auch wenn es sich merkwürdig anhört …da es gut tut und mir ein bischen Frieden in meinen Kopf pflanzt zu wissen, das es noch mehr Leute gibt die genauso kämpfen wie ich…danke

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    • spiritlilli schreibt:

      Danke DIR! Ich finde das gar nicht merkwürdig, mir geht es nämlich genau so, wenn ich so etwas lese. Wenn wir mehr miteinander teilen, was in uns vorgeht, stellen wir fest, dass wir damit nicht so allein sind, wie wir glauben und das ist schon ziemlich erleichternd. Vor allem, wenn man sich einsam und unverstanden fühlt. Es gibt auf jeden Fall Menschen, die einen verstehen 🙂
      Ich wünsche dir alles Gute ❤

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