Können Depressionen geheilt werden?

Zweierlei Dinge veranlassen mich dazu, die Frage nach den Heilungschancen von Depressionen beantworten zu wollen. Ich telefonierte vor kurzem mit meiner Mutter und sie stellte mir diese Frage. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, mich kurz fassen zu müssen, dabei hätte ich gern ausführlich geantwortet. Kurz zuvor habe ich mir den Film „I am Maris“ auf Netflix angesehen, in dem ein Mädchen von ihren Erfahrungen mit ihrer Essstörung und Depression erzählt. „There is no cure for mental illness right now“ hat sie gesagt. Es gibt gerade kein Heilmittel für psychische Erkrankungen. Der Satz hat sich in mein Hirn gebrannt und mir schlagartig mal wieder die Hoffnung genommen (um die es eigentlich in dem Film ging). Kurz nach dem Telefonat mit meiner Mutter, las ich einen Beitrag auf Instagram von Maris. Sie hat genau zu diesem Satz viele Nachrichten bekommen und wollte erklären, was sie eigentlich damit meinte. Und dann habe ich sie verstanden. Habe mir meine eigene Meinung zur „Heilung“ gebildet. Und die teile ich heute mit euch.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, wie Depressionen als Krankheit kategorisiert werden. Ist es eine chronische Krankheit? Eine unheilbare? Ist sie wie Diabetes und man muss damit leben lernen? Ist sie wie Krebs und es hilft „eventuell“ eine aggressive Therapie und die Hoffnung, dass sie niemals wiederkommt? Fest steht, dass es kein schnelles Medikament gibt, das man sich in der Apotheke holen kann. Das gibt es nur für Symptome, nicht für die Ursache.

Ich glaube, in vielen Köpfen ist die Vorstellung verankert, dass eine Therapie das Allheilmittel gegen Depression ist. Da geht man einmal die Woche für ein, zwei, drei Monate hin, spricht über seine Probleme und dann geht es einem wieder gut. Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich behaupte mal, dass das vielleicht in 0,1% der Fälle so funktioniert. Therapien sind eine Stütze. Ein Krückstock auf dem Weg zur Besserung. Genau so, wie Medikamente. Die eigentliche Arbeit muss man selber machen. Und genau deshalb ist es wohl auch so schwierig.

Also nein, ein „Heilmittel“ im klassischen Sinne gibt es nicht. Keine Pille, keine Tinktur. Und wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch nicht, dass man irgendwann komplett genesen kann.

Ich glaube, Depressionen als psychische Krankheit sind am ehesten wie eine Sucht. Die Chemie des Körpers passt sich ihr in einer Form an, in der es nur schwierig ist, ihr zu widerstehen. Das ganze Sein ist darauf programmiert, sich selbst unzureichend zu finden, einsam zu fühlen und so weiter. Das entwickelt sich über Jahre hinweg. Eine Depression kommt nicht plötzlich, genau so wenig, wie eine Sucht. Man gibt sich gewissen Denk- und Verhaltensmustern hin, aber kann irgendjemand sagen, ab wann er wirklich süchtig war? Man kann höchstens bestimmen, wann man gemerkt hat, dass man süchtig sind.

Das fatale an einer Sucht ist, dass sich über kurz oder lang, bewusst oder unbewusst, die eigenen Gedanken gegen einen selbst richten. Wenn das nicht überhaupt der auslösende Grund für die Sucht ist. Zum Beispiel kann ich heute nicht mehr festlegen, welches Gefühl zuerst in mir aufkam: Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, oder das Gefühl, mich nicht selbst zu lieben. Habe ich nicht viel von mir gehalten, weil ich glaubte, dass andere nicht viel von mir hielten? Fehlende Selbstliebe ist aber auf jeden Fall einer der Gründe, weshalb eine Sucht oder eben eine Erkrankung wie Depressionen, sich ausbauen, vertiefen und festsetzen. Wenn man sich selbst nicht wichtig genug ist oder man sich sogar die Schuld an gewissen Umständen im Leben gibt, haben schlechte Gedanken und Verhaltensmuster leichtes Spiel.

Mit jedem einzelnen schlechten Gedanken, jedem destruktivem Verhalten, sei es noch so unscheinbar, festigen sich selbstzerstörerische Überzeugungen, Hormone und Botenstoffe im Körper, werden ganz automatisiert freigesetzt, der Körper ist süchtig nach allem, was schlecht ist. Und er lernt, wie er in diesem Zustand bleiben kann. Er ist ja nicht dumm. Wenn etwas unerwartet Gutes passiert oder man sich vornimmt „ab jetzt denke ich nur noch gute Gedanken“, fürchtet der Körper sein sorgfältig konditioniertes Milieu und sendet warnende Impulse ans Gehirn. Und auf einmal fragen wir uns, ob dieser neue, gute Weg, den wir beschreiten wollten, eigentlich richtig sein kann, weil er sich elendig schwer und unmachbar anfühlt. Wir zweifeln und Zack – da sind wir wieder. Am Zweifeln. Bei einer Sucht (z. B. Alkoholsucht), hilft meistens der kalte Entzug. Deinen eigenen Gedanken kannst du dich aber nicht entziehen.

Hier ist die gute Nachricht: Man kann seine Gedanken ändern. Die meisten Gedanken, die wir so tagtäglich denken, unterliegen Mustern. Vor allem, wenn es um wertende Gedanken geht, denken wir meistens automatisiert. Wenn wir diesen Mustern auf die Schliche kommen, können wir mit viel Übung, Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen diese vorhanden Denkmuster, diese Gewohnheiten, entlarven und verändern. Mit „ab heute denke ich keine schlechten Gedanken mehr“ ist es leider nicht getan.

Wenn ich meine eigene Denk-Situation so betrachte, bin ich überwältigt von der Masse an destruktiven Gedanken. Ich habe nicht nur ein ungesundes Denkmuster, sondern viele. Eng miteinander verstrickt. Es wird nicht leicht sein, herauszufinden, wo diese Gedanken ihren Ursprung haben, wie ich sie verarbeite, wie ich Erfahrungen und Erlebnisse loslasse, Gedanken neu formuliere und ob ich am Ende die Kraft habe, durchzuhalten.

Aber es ist möglich.

Auf Englisch sagt man, ein ehemals Süchtiger ist „in recovery“. In der Genesung. Denn wenn man einmal Süchtig war, ist man nie wirklich geheilt. Wenn man einem ehemaligen Alkoholiker ein Bier anbietet, muss er sich jedes Mal aufs Neue mit gewissen Triggern auseinandersetzen. Für den Rest seines Lebens. Genau so sehe ich es bei der Depression. Man kann nicht komplett heilen, aber man kann lernen, mit seinen persönlichen Triggern umzugehen, sodass sie im besten Fall das Leben nicht merklich beeinflussen. Dass die Gedanken standhaft bleiben.

Jede Heilung ist einzigartig. Je nachdem, was der oder die Auslöser für eine Depression ist/sind, müssen andere Maßnahmen ergriffen werden, um sie zu heilen. Welche Maßnahmen das sind, muss jeder Betroffene selber herausfinden. Er kann sich dabei Hilfe suchen, kann Vergangenes aufarbeiten, aber wie genau das am Ende aussieht, kann keiner voraussagen. Dem einen hilft es mit den Freunden zu reden, der andere benötigt einen Therapeuten oder Medikamente oder beides. Die eine nimmt sich ein Jahr Auszeit von der Arbeit und widmet sich komplett ihrem Hobby, der andere geht mehrere Wochen in eine Klinik. Eine andere entdeckt das Nähen für sich, und wieder ein anderer das Joggen. So individuell, wie jeder Mensch ist, ist auch seine Heilung.

In jedem Fall glaube ich daran, dass der einzige Weg zur „bestmöglichen“ Heilung, die Ursachenbekämpfung ist. Und sich mit Ursachen auseinandersetzen, anstatt, wie es in der Medizin so oft ist, mit den Symptomen, ist zwar schwierig, aber lohnenswert. Für jeden Menschen, so ganz nebenbei. In dem Moment, in dem wir einer Ursache auf den Grund kommen, können wir selber treibende Kraft werden und Dinge verändern. Da bin ich absolut sicher.

Wie sind deine Erfahrungen? Hast du deine Depression geheilt? Befindest du dich gerade in der Heilung? Teil gern deine Meinung und Erfahrungen in den Kommentaren.

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2 Gedanken zu “Können Depressionen geheilt werden?

  1. Waltkaye schreibt:

    Bei mir klares Nein. Die Depris kommen immer wieder und sind eigentlich dauerhft vorhanden. Mehrere Klinikaufenthalte, ambulante Therapien haben mir zwar viel Einsicht gebracht, aber keine Er-Lösung.
    Ich schau dem ganzen gefasst ins Auge solange es geht.

    Gefällt 1 Person

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