Belastungsgrenze Weihnachten und wie lebe ich mit meiner Diagnose?

Bald ist Weihnachten. Die Zeit der nervenaufreibenden und triggernden Zeit, die man nicht selten mit der Familie verbringt. Ich kenne viele Menschen, die sich nicht sonderlich darüber freuen und eigentlich nur hoffen, dass alles ohne Stress, Meinungsverschiedenheiten oder sogar Streit über die Bühne geht.

Für psychisch vorbelastete Menschen ist diese Zeit sogar noch ein bisschen heikler. Ich möchte heute aber keine Tipps verteilen, wie man sie übersteht, ohne lachend in eine Kreissäge zu laufen oder enterbt zu werden. Obwohl ich zum Schluss wahrscheinlich doch einen kleinen Rat haben werde… Mal sehen. Für mich ist Weihnachten jedes Jahr wieder eine Mutprobe. Indirekt messe ich an meinem Umgang mit diesen 3 Tagen, wie „gesund“ ich bin. Wie sehr wirft es mich aus der Bahn? Wie stark triggern mich all diese kleinen Dinge noch? Und nach Weihnachten wird ausgewertet: aha, daran möchte ich noch arbeiten. Oder: okay, nächstes Jahr werde ich diese Situation so und so vermeiden.

Das klingt nicht sehr besinnlich und schön. Ist aber meiner Meinung nach der einzige Weg, um eine Distanz zu den ganzen Gefühlen über unerfüllte Wünsche zu schaffen. Nicht über materielle Wünsche (obwohl ich da auch schon arg enttäuscht wurde), sondern eher der Wunsch nach Friede, Freude, veganem Eierkuchen, singen unterm Weihnachtsbaum und besinnlicher Ruhe beim gemütlichen Glühwein schlürfen. Wer sein Weihnachten so verbringt… Bitte, lade mich ein!

Das, worüber ich eigentlich schreiben wollte, hat erstmal gar nichts mit Weihnachten zu tun.

Als ich hier angefangen habe, offen über psychische Gesundheit (vor allem meine eigene) zu sprechen, habe ich überlegt, ob ich nicht eine Art Ratgeber formuliere. Wie man eben mit einer psychischen Erkrankung umgeht und lebt. Denn ich lebe damit ja schon eine ganze Weile. Leider, oder auch Gott sei Dank, habe ich davon abgesehen, aus dem einfachen Grund, dass es mir ziemlich schlecht ging und ich mich alles andere als kompetent gefühlt habe, jemand anderem einen ernst gemeinten Rat zu geben. Das ist auch immer noch so. Ich glaube nach wie vor, dass es kein Patentrezept gibt und ich glaube auch, dass Ratschläge wie „mache regelmäßig Sport“ oder „verbringe viel Zeit mit Freunden“ oder „schreibe jeden Tag eine Dankbarkeitsliste“ nicht nur abgedroschen, sondern für viele Menschen auch einfach nicht machbar sind. Ich gehe davon aus, weil es für MICH nicht machbar ist.

Also werde ich kein Ratgeber werden. Zumindest nicht offiziell. Das einzige, was ich geben kann, sind meine Erfahrungen.
Wie waren also die letzten 8 Monate für mich? Was habe ich dafür getan, dass ich immer noch hier bin? Und wie kann ich das knackig beschreiben, ohne dich zu langweilen?

  1. Ich habe mich selbst wichtiger genommen, als alles andere. Das war schwer. Das schwerste.
  2. Ich habe mich überwunden, Dinge zu tun, die mir zwar schwer gefallen sind, aber von denen ich wusste, dass sie mir gut tun.
  3. Ich habe viel gelesen. Sowohl Bücher, die mir halfen, mich selbst zu verstehen, als auch solche, die mir Mut gegeben haben, weiterzumachen und auch den ein oder anderen Roman, damit ich mal auf andere Gedanken komme.
  4. Ich habe verstanden, dass ein Weg ein Weg ist. Dass es für mich nicht sinnvoll ist, dem großen Ziel „psychische Gesundheit“ entgegenzustreben, weil mich jeder Tag, an dem ich noch nicht da bin, runterzieht.

Ich glaube, das Lesen hat einen riesengroßen Unterschied gemacht. Wenn jemand halbwegs fundiert dafür argumentiert, dass man sich selbst wichtig nehmen darf, achtsam und präsent sein darf und überhaupt nicht nur eine Marionette im großen Spiel des Lebens ist, dann glaubt man das irgendwann. Also irgendwann, wenn man viele viele Bücher mit derselben Message gelesen hat. Die können ja nicht alle falsch liegen, oder?

Ich habe also die letzten 6 Monate damit verbracht, diese 4 Punkte zu verinnerlichen. Das hat dazu geführt, dass ich meinen Alltag bewältigen konnte. Klingt so einfach. Aber es war (und bleibt wahrscheinlich auch erstmal) sehr anstrengend. Ich habe mir geschworen, dass ich JEDEN VERKACKTEN TAG in meine psychische Gesundheit investieren werde. Jeden Tag. So, wie andere Leute jeden Tag joggen gehen, oder dem Kind Frühstück machen. Jeden Tag habe ich gelesen, aufgeschrieben, wie es mir geht und warum. Ich habe mich zum Yoga angemeldet und eine Therapie angefangen. Ich habe jeden Tag den motivierenden Spruch in meinem Abreisskalender gelesen (und verinnerlicht). Egal, wie mein Tag war, ich habe mir immer zwischen 30 Sekunden und 2 Stunden Zeit genommen, um an meiner „Genesung“ zu arbeiten. Tut mir leid, Thomas, aber in meiner Wet habe ich mir mindestens den Mitarbeiter des Jahres verdient.

So war das letzte halbe Jahr. Und so groß ist verständlicherweise auch die Angst, über die Feiertage wieder mindestens 6 Monate zurückgeworfen zu werden. Nach Außen hin hat sich nichts verändert, aber innen ist alles anders und das kann ich mir nicht nehmen lassen. Und so komme ich zu dem einzigen Ratschlag, den ich für mich und für alle habe, denen es ähnlich geht.

Setze Grenzen und stell sicher, dass sie eingehalten werden. Deine Gesundheit ist wichtiger, als der kerzengerade Haussegen.

Ich habe noch gut 5 Tage Zeit mir zu überlegen, wie genau diese Grenzen aussehen sollen. Im Allgemeinen ist es so: Man darf über gewisse Dinge nicht reden wollen und man darf das kommunizieren. Man darf gewisse Dinge nicht sehen, hören, essen oder trinken wollen. Man darf sich gewissen Situationen einfach entziehen. Man darf IMMER sagen, wenn eine persönliche Grenze erreicht ist und es obliegt dann der oder den anderen Person/en das zu respektieren. Ich finde, das hat jeder, dem Weihnachten im Kreise der Familie wichtig ist, so zu leben. Aber wie gesagt, das ist nur meine Meinung.
Alles, was ich mir im letzten Jahr erarbeitet habe, unterliegt meinem Schutz. Ich werds verteidigen wie Jon Snow Winterfell verteidigt hat. Und ich hoffe, du tust das auch (und guckst dir endlich Game of Thrones an, damit du meinen Vergleich verstehst).

Ich wünsche dir viel Erfolg dabei und dass dein Weihnachten so wird, wie du es dir wünschst.

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